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Castel del Monte

von Alexandra Lennert-Branz

Im November ist der Tourismus hier oben erträglich. Nur hie und da bemüht sich eine Gruppe vereinzelter Bildungshungriger herauf. Aber Nachtanbruch wird es menschenleer und gespenstisch still. Einzelne Tief­stimmen durchbrechen das monoto­ne Summen des Windes. In 540 m Höhe eröffnet sich bei Tage vom Castel del Monte aus ein hervorragen­der Rundblick bis zum Gargano. Jetzt, da die Dunkelheit hereinge­brochen ist, begleitet von tiefhän­genden, blau zerrissenen Wolken­bändern, sind von dem achteckigen "Meer aus Stein", der "Krone Apuliens" nur graue Schatten zu erken­nen. Vom Tal der Murge scheinen ver­einzelte Lichtpunkte herauf. Die Nacht ist mondlos einsam. Mich frö­stelt. Was habe ich erwartet von die­sem nächtlichen Besuch im berühm­ten Jagdschloss Friedrich II., das vermutlich ab 1240 entsprechend den Vorstellungen des Staufers nach der Gesetzmäßigkeit eines Kristalls erbaut wurde? Federico il Suevo.

Die Geschichte des mittelalterlichen Apuliens ergreift meine Gedanken. Historische Persönlichkeiten wan­dern durch meinen Kopf. Während der Wind stärker wird und die Nacht dunkler, mache ich mich gedanken­versunken auf den Weg zum Haupt­portal, das, so vermute ich, verschlossen ist.

Wer ist vor Jahrhunderten diesen Weg gegangen, auf diesem Platz gestanden? Höre ich Stimmen, Schritte ...? Es gibt magische Orte. Vielleicht ist dies einer.

Etwas neben dem Tor entdecke ich in Augenhöhe eine Spalte in der Stein­mauer, die Einblick in den majestäti­schen Bau gewährt. Seltsam, ein Teil des Innenhofes ist von einer Feuer­quelle erleuchtet.

Im Schein des Lichtes erkenne ich drei unterschiedliche Gestalten um ein steinernes, tischähnliches Acht­eck in ein Gespräch vertieft. Wie in ei­nem Traum sehe ich den einen von der Seite, ernst, eher klein und unscheinbar, bartlos und blond, in mittelalterlich-herrschaftlichem Gewand: Friedrich II. v. Hohenstaufen, den anderen, groß, aristokra­tisch - würdevoll, ein Mann des 18. Jahrhunderts. Es ist der Geheimrat von Goethe.

Der dritte Herr, klein und hager, im Anzug, scheint ein Tourist unserer Tage zu sein. Die Stimmen der drei Männer sind von meiner Position aus deutlich zu vernehmen:

Goethe zu Friedrich II.:
Seid Ihr nun Italiener oder Deut­scher? Euer Beiname "von Hohenstaufen" deutet auf einen Schwaben hin.

 Friedrich II.:
Ich spreche fließend Deutsch, wie auch Französisch, Lateinisch, Griechisch und Arabisch, aber ich fühle mich als Südländer. Apulien ist mei­ne Heimat. In Deutschland fühlte ich mich immer als Fremder. Acht Jahre meines Lebens verbrachte ich dort. Allein im deutschen Südwesten ließ ich 39 Städte anlegen. Meine Vorfah­ren, die Staufer vor Friedrich Barba­rossa hatten ihren Stammsitz in Hohenstaufen bei Göppingen.

Goethe:
Seid Ihr in Sizilien geboren?

Friedrich II.:
Nein, in Iesi bei Ancona brachte mich meine Mutter zur Welt. Mein Le­ben war bedeutend, sagen die Histo­riker. Kaiser, Gott, Antichrist wurde ich genannt. Dabei fing alles mit ei­ner drastischen Marktszene an: Am 26. Dezember 1194 geschah dieses bedeutende Ereignis meiner Geburt, auf offener Piazza, vor aller Augen, um von Anfang an jedem Verdacht entgegenzuwirken, ich sei nicht aus dem Leib der alternden Konstanze von Sizilien in diese Welt getreten.

Goethe (angewidert und entsetzt):
Mäßigen Sie sich, mein Herr! Es ist mir außerordentlich peinlich, diese wenig erhabene Geschichte hören zu müssen. Sie passt ganz und gar nicht in mein Bild von der Größe eines Mannes, eines späteren Kaisers. Mein Anfang verlief meinem Leben ange­messener und unter guten Vorzei­chen: Am 28 August 1749, mittags mit dem Glockenschlag zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag. Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft sei­nes Gegenscheins, um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde ein­getreten war.

Der Dritte (pathetisch):
Ich halte es für bedeutend, wenn die Herren mir erlauben wollen, meine Gedanken zu äußern, dass hier zwei Fürsten am Tische stehen. Sie, Herr Geheimrat, sind uneingeschränkter Fürst der deutschen Literatur, und Sie, Kaiser Friedrich II, ein begabtes und gebildetes Genie auf dem Gebie­te der Politik. Die Staufer sahen nach ihrer Ideologie, wie ich weiß, das Heilige Römische Reich als Zwerg auf den Schultern des Riesen, der Antike!

Friedrich II. (wie, wenn er den Dritten erst jetzt bemerkte):
Darf ich fragen, wer Sie sind ?

Der dritte Herr:
Gestatten, mein Name ist Walther!

Friedrich II. (erregt):
Gar der Walther von der Vogelweide, der mich in seiner politischen Lyrik für meine Großzügigkeit gelobt hat?? Der gerade dieses Bild vom Zwerg auf den Schultern des Riesen im "König-Friedrich-Ton" 1214 verwendet hat??

Walther (kopfschüttelnd):
Nein, nein, ich bin ....

Goethe
(fällt ihm eifersüchtig ins Wort):
"Kennst Du das Land,
wo die Zitronen blühn,
im dunklen Laub
die Gold-Orangen glühn,
ein sanfter Wind
vom blauen Himmel weht,
ie Myrte still
und hoch der Lorbeer steht..."
Die Italiensehnsucht und die Wieder­entdeckung der Antike waren, das muss ich in diesem erlauchten Kreis betonen, nicht ein Verdienst des Mit­telalters, sondern der sogenannten Weimarer Klassik!! Und sie waren nicht zuletzt mit meiner Biographie verbunden. Lange schon hatte ich den Wunsch gehegt, einmal Italien zu sehen, und im September 1786 brach ich, ohne meine Umgebung zu informieren, auf. Die mir anvertraute Staatsverwaltung in Weimar wirkte schädlich auf meine dichterische Schaffenskraft.
...Und dann Charlotte von Stein...
"Eine Welt zwar bist du, o Rom,
doch ohne Liebe
wäre die Welt nicht die Welt,
wäre denn Rom auch nicht Rom."

Friedrich II.:
Ja, die Frauen. Mein Verhältnis zu ih­nen ist fast orientalisch. Zu meinem Hof gehörten selbstverständlich Ha­rems! Ich ging vier Ehen ein, natür­lich aus politischem Kalkül. Alle mei­ne Frauen starben im Kindsbett. Wie Sie wissen, war ich mit vier Jahren verwaist. Mein Vormund, Papst Innozenz III., vermittelte mir mit 15 Jah­ren eine Heirat. Konstanze von Ara­gon brachte neben der Gabe von 500 Rittern weltweite Verbindungen mit. Sie war zehn Jahre älter. Ob es Liebe war? Sie starb 1222, zwei Jahre nach der Kaiserkrönung in Rom. Aus der letzten Ehe stammt mein heißge­liebter Sohn Manfred. Wie viele Kin­der ich in Deutschland zeugte, weiß ich nicht. Ihre Mütter haben schwä­bisch gesprochen und gesungen...

Goethe und Walther hüsteln und räuspern sich nervös, bemühen sich um Themawechsel

Walther:
Die Historiker rühmen Sie, Friedrich von Hohenstaufen, dass Sie eine ideale Synthese von Orient und Okzi­dent in Ihrem Leben erreicht haben.

Friedrich II.:
Ja, das mag sein. Das Palermo mei­ner Kindheit und Jugend war geprägt von einem weltoffenen, völlig freien Geist. Moslems, Juden und östliche Christen standen im wissenschaftli­chen Austausch miteinander. Alle Weisheit des Orients, die Traditionen der Antike, von den hochgebildeten Moslems überliefert, lagen mir zu Füßen. Später versammelte ich die renommiertesten Wissenschaftler der Welt ständig an meinem Hof. Ich be­schäftigte mich leidenschaftlich mit den Naturwissenschaften von der Astrologie bis zur Medizin, von der Biologie bis zur Hydrologie. Ich ord­nete Experimente mit Menschen an. Damals war das ganz modern. Eine Menschengruppe sollte z.B. nach dem Essen ruhen, die andere sich re­gen. Danach habe ich sie sezieren lassen, um die Verdauungsprozesse beschreiben zu können.

Goethe
(rezitiert, solange der andere noch spricht):
"Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord und südliches Gelände
ruht im Frieden seiner Hände."

Walther zu Friedrich II.:
Majestät, erlauben Sie, dass ich Ih­nen noch eine Frage stelle, die mir sehr wichtig ist. Warum eigentlich haben Sie Foggia als Ihre größte zentrale Residenz gewählt?

Friedrich II.:
Die Frage ist berechtigt, mein Herr. Foggia war natürlich nicht vergleich­bar mit den orientalischen Wundern Palermos. Aber Foggia bezeichnete den Mittelpunkt meines Reiches. Es ist nah den Ländern des Orients, über den Seeweg kann man leicht die deutsche Reichshälfte erreichen. Ganz besonders jedoch haben mich die Jagdreviere hier angelockt. Sie haben gewiss mein Falkenbuch gele­sen.

Walther:
Gewiss, gewiss... Foggia ist seit Jahren die Partnerstadt des schwäbischen Göppingen; deswegen bin ich ...

Ein heftiger Windstoß stört die Un­terhaltung. Die Stimmen werden lei­ser, die Sicht in den Innenhof ver­liert sich im Dunst des Morgenne­bels. Wie lange mag ich hier gestan­den haben? Stunden? Richtung Osten, weit hinten am Horizont kün­den goldene Streifen am Himmel die Ankunft des Morgens. Über einem der westlichen Achtecke des Castels glaube ich zwei Falken der Sonne entgegen flattern zu sehen. Sie verlieren sich bald zwischen Him­mel und Erde.