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Schreib-Projekt "Wände - Mauern"


Innerer Monolog einer Kirchenmauer

von Ann-Sophie Kraus und Regina Hechler

Das darf doch nicht wahr sein! Schon wieder ein Todesfall eines unschuldigen Menschen! Wie kann das in der heutigen Zeit passieren? Die Menschen denken, sie leben in einer "modernen" Welt. Dabei geschehen hinter mir genau dieselben Dinge wie schon vor fünfhundert Jahren. Immer noch gibt es Geistliche, die den Exorzismus durchführen. Anneliese Michel " warum hat keiner den Fall erkannt? Warum hat keiner die "Teufelsaustreiber" zu stoppen versucht? Warum musste diese junge Frau sterben? Unzählige Male musste ich mit ansehen, wie kranke Menschen unter Vorwand von Besessenheit dem Rituale Romanum unterzogen wurden, um ihnen die vermeintlichen Dämonen auszutreiben. So ein Quatsch! Heutzutage können Ärzte doch längst psychische Krankheiten diagnostizieren! Die Menschen sind wirklich so beschränkt! Ach, da fällt mir gerade dazu ein, wie neulich in meinem Schatten Witze erzählt wurden. Einer ging folgendermaßen: "Läuft eine Blondine an einer Mauer vorbei. Die Mauer fällt um. Warum? " Der Klügere gibt nach!" Mich halten die Menschen für ein nicht-denkendes Objekt. Aber gerade der homo sapiens bewirkt durch sein Denken und Handeln oftmals so viel Leid! Das sehe ich genau an der Kirche. Was ich da schon alles miterleben musste... Bleiben wir mal beim Thema Exorzismus, denn durch Anneliese Michel werde ich ganz stark an die Frau des Schmieds erinnert. Das muss circa im 14. Jahrhundert gewesen sein. Auch diese junge Frau fühlte sich von Teufeln eingenommen. Wie bei Anneliese Michel aus Klingenberg war auch ihr Hauptdämon der bösartigste von allen, "Judas". Seinetwegen biss die Frau die Leute in ihrer Umgebung. Gedeutet wurde dies nämlich als Kuss des Jesusverräters. Sie hat oft geschrien und heulte aus unerklärlichen Gründen. Meistens machte sie einen geistesabwesenden Eindruck. Sie hatte vier Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren, die unter der "Besessenheit" der Mutter litten. Sie taten mir so leid! Es waren brave und fromme Kinder und der Vater hatte wegen dem Zustand der Mutter Angst um sie. Sie selbst war eine herzensgute Frau " ja, das war sie wirklich " und seit ihrer Kindheit regelmäßig in der Kirche. Ich mochte sie. Ihre ganze Familie war mir sympathisch. Sie waren sehr katholisch und sind nicht nur sonntags an mir vorbeigelaufen, um den Gottesdienst zu besuchen. Natürlich erhofften die Armen Hilfe von der Kirche. So wie viele andere zu ihrer Zeit. Damals waren Teufelsaustreibungen tatsächlich Gang und Gebe. Selbstverständlich waren Bischof und Pfarrer dazu bereit, ihr "Kind" von den Qualen zu befreien. Bei dem Ritual war sogar die ganze Gemeinde anwesend und betete und sang für die "Besessene". Das muss man sich mal vorstellen! Der zuständige Exorzist sprach mit den Dämonen, die alle einen Namen hatten (!), und befahl ihnen zu verschwinden. Aber ach, wie schrecklich! Mitten in der Messe stürzte die Frau aus der Kirche und ich konnte sehen, wie sie schreiend zum Fluss hinuntergerannt ist. Dort muss sie sich wohl ertränkt haben, denn kurz darauf fand man ihre Leiche ein Stück weiter flussabwärts. Entsetzen packte mich! Letztendlich sollen also doch die Dämonen die Sieger gewesen sein?! Das Ganze gab ein riesiges Durcheinander bei den Dorfbewohnern! Doch hatte sich etwas verändert? Von wegen! Es gibt zwar Fälle, in denen die Austreibung der Teufel anscheinend funktioniert hat. Doch Leichen von Exorzismusopfern waren beinah Alltag geworden. Nach wie vor starben Menschen auf Grund kirchlichen Versagens. So ging es viele Jahrhunderte! Zum Glück hat die Praxis des Exorzierens abgenommen, aber dass es tatsächlich noch existiert, beweist die Tragödie von Anneliese Michel. Und sie ist nicht die einzige! Rodewyk heißt der "Chefexorzist" und er gibt ganz offen zu: "Es laufen noch andere Fälle". Es ist nämlich immer noch nicht verboten! "Mit besonderer und ausdrücklicher bischöflicher Erlaubnis" dürfen geeignete Priester laut des kirchlichen Gesetzbuches exorzieren. In was für einer Welt leben wir denn? Ich werde solche Schandtaten nie verstehen... Liebe Christen! Bitte lasst euch diesen Schwachsinn  nicht von kranken, mittelalterlich denkenden Priestern und Pfarrern verzapfen! Kein moderner Theologe glaubt mehr an Besessenheit und Teufelsaustreibungen. Ich hoffe, die katholische Kirche setzt sich endlich kritisch mit diesem Thema auseinander. Sonst werde ich noch in den nächsten fünfhundert Jahren solche traurigen Meldungen zu hören bekommen... Auch die Inquisition ist eine so schreckliche Sache! Jaja, die Kirche... hat schon immer für viel Leid gesorgt. Dabei ist ihre Aufgabe eigentlich, sich um die Armen und Bedürftigen zu kümmern. Oft habe ich mich schon gefragt, ob der Klerus denn überhaupt den Bibelinhalt verstanden hat. Wäre sonst die Inquisition möglich gewesen? Mal wieder mussten die Juden dran glauben.  Wie immer. Das alles aus Neid: Nur weil die meisten erfolgreiche Kaufleute und Händler waren und viele sehr wohlhabend waren. Die waren der Kirche wohl zu mächtig. Wenn sie nicht bis zu einer bestimmten Frist aus dem Land waren, war alles zu spät. Oft brachte man sie dann auf grausame Art um. Ich kann mich an einen sehr erfolgreichen Arzt erinnern. Obwohl er als Jude geboren wurde, nahm er freiwillig den christlichen Glauben an und hatte ein gutes Verhältnis zur Kirche. Er besuchte und verarztete sogar regelmäßig unsere Geistlichen! Deren Akzeptanz nahm ihm gegenüber aber auch ab. Im Klostergarten wurde ein junger Mann namens Toledo hingerichtet. Anscheinend hatte er eine äußerst wertvolle Dose für das Kloster bei sich. Eben diesen Mord sollte der Arzt rekonstruieren. Für die Mörder war er dann natürlich viel zu gefährlich. Was da los war! Eigentlich war dieser Mord der Stein, der alles zum Rollen brachte.  Man holte den Arzt ab und sperrte ihn in ein Gefängnis extra für Juden. Am Ende der Woche war der Tag der Inquisition. Auf dem Marktplatz vor mir wurden ein Ofen, ein Feuer und ein Schafott aufgebaut. Es waren zehn Juden, die hingerichtet werden sollten. Sie hatten die Wahl: Entweder entsagten sie ihrem Glauben oder sie kamen in den Ofen oder in das Feuer und wurden bei lebendigem Leib verbrannt. Eben so erging es auch dem Arzt. Er stand noch aufrecht da und sagte irgendeinen jüdischen Papperlapapp auf. Dann wurde er gepackt und in den Backofen geworfen. Aber er hat noch nicht einmal geschrien! Nur noch eine Weile etwas unverständliches Jüdisches vor sich hingemurmelt. Ein ganz erschreckender Anblick! Und der Gestank erst! Unvorstellbar, wie viele Leute da waren. Ich erschauerte und konnte kaum hinsehen. Die Massen fanden das auch noch gut! Sie rissen sich um die Plätze, an denen man am besten sehen konnte! Das bestätigt leider schon wieder den Eindruck der fehlenden Humanität unserer Erdenbürger.
Ach, ich bin nur froh, dass ich eine Mauer bin! Mir kann keiner etwas austreiben, weder Dämonen oder den Teufel, noch einen falschen Glauben...!




Quellenangaben:

Exorzismus:

1) Wolff, Uwe, Das bricht dem Bischof das Kreuz, Die letzte Teufelsaustreibung in Deutschland 1975/76, Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 81999

2) Dvorak, Josef, Satanismus, Schwarze Rituale, Teufelswahn und Exorzismus Geschichte und Gegenwart, München: Wilhelm Heyne Verlag, 4. Auflage, 1996

Inquisition:

1) Gordon, Noah, Der Medicus von Saragossa, München: Goldmann Verlag,1999