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Eine fantastische Geschichte


von Christina Rupp und Sarah Körlin

Ein grünes Meer aus Gräsern und Blumen aller Art wird sichtbar. Die Sonne strahlt heute unvergleichbar, eine goldene, mit nichts zu löschende Flamme. Der Wind weht leicht, sodass einige Grashalme im Licht der unvergleichbaren Sonne ein wenig flattern. Von weiter Ferne hört man ein raschelndes, wundersames Lachen, es gleicht einem Windspiel, an dem winzige Muscheln in sanftem Tanz wiegen.

Inmitten dieser Szene findet man eine Person.

Die Person, deren Lippen ein ständiges, gehauchtes Lächeln beflügelt, spaziert im hohen Gras des Tales.  Sie wird beinah getragen von dem grünen Meer, denn sie schwebt fast über der Erde.

Im Spiel der Sonne und der Natur wird nach und nach eine Mauer erkennbar.

Eine Mauer, auf deren Oberfläche die Strahlen der Sonne gebrochen werden.

Man meint, sie gehöre nicht zum Bild, denn sie wirkt grau und nicht magisch, wie alles andere.

Diese Mauer scheint falsch am Platz zu sein.

Die lächelnde Person nähert sich dem Konstrukt.

Person1:  Hmmmm... Was ist denn das? Ich habe es hier noch nie zuvor gesehen. Wenn ich genauer nachdenke... Es muss ganz neu hier sein. Oder es ist mir davor einfach nicht aufgefallen, dieses Ding. Es scheint, gar nicht hierher zu gehören. Vielleicht ist es über Nacht von jemandem erbaut worden. Aber welcher Mensch baut eine gigantische, felsartige, hässliche Mauer auf einem heiligen Boden? Weshalb? Und wie hat er das so schnell geschafft? Fragen, auf die es einfach keine Antwort geben kann.

Während die Person spricht, verändert sich nicht ein einziges Mal der Ton in ihrer Stimme. Sie beäugt die Mauer, und verkleinert immer mehr die Distanz zwischen dem Konstrukt und sich selbst. Etwas unsicher und scheu nähert sie sich nun dem Giganten. Er scheint sehr hart und unüberwindbar zu sein. Die Person staunt über das Ausmaß solcher Größe und denkt lange darüber nach.

Person1: Nun ja. Wenn man absieht von den Gründen für den Bau dieser Wand und sich nicht mehr länger der Frage widmet, wer den Bau vorgenommen hat, dann ist es doch nahe liegend zu fragen, was dahinter steckt. Das ist auch gleich viel interessanter und vielleicht kann man diese Frage sogar beantworten.  Ob die Welt hinter der Mauer schön ist? Schöner möglicherweise sogar als diese Welt? Ob es dort kalt ist? Ob die Vögel genauso süß zwitschern wie hier? Aber es ist auch denkbar, dass dahinter nichts ist. Gelesen hab ich darüber schon mal... Das Nichts. Aber vielleicht verbirgt sich dahinter etwas ganz Tolles. Wer hätte schon eine Mauer errichtet, wenn dahinter nichts Schönes wäre?

Die Mauer dient sicher dem Schutz dieses einmaligen Wunders.

Die Person hinterlässt einen eher naiven und sehr verträumten Eindruck. Sie scheint zwar liebenswert und poetisch zu sein, wirkt gleichzeitig aber auch etwas kindlich und zu optimistisch.

Jetzt tappt eine schwarze Krähe, die zuvor nicht aufgefallen ist, auf der Mauer herum. Zuerst beobachtet sie die Person, die immer lächelt. Dann wendet sie ihren Schnabel in die andere Richtung.

Die Krähe überblickt beide Seiten der Mauer. Nun beobachtet sie, wie eine andere Person auf der anderen Seite der Mauer einen Plastikstuhl anschleppt und sich mit kühler Distanz zum Konstrukt auf diesen Stuhl setzt, schwer und angestrengt.

Mit dem Richtungswechsel des Krähenschnabels ändert sich unsere Perspektive.

Dunkler, undurchsichtiger Rauch steigt vom Boden auf. Fast erkennt man nicht, wo man sich befindet. Es ist kalt, kein zwitschernder Vogel bereichert die Bäume.  Dünne, ausgemergelte Grashalme wachsen an wenigen Stellen, ganz vereinzelt. Ansonsten ist die Erde glatt wie eine Glasfläche und man meint, auf sie einschlagen und sie beschädigen zu können, so wie Glas zersplittern kann.

Die Person,  die auf dem Stuhl sitzt, hustet laut und  kränklich. Die Augen sind schwarz wie zwei Kugeln aus Kohle.

Die Mauer macht sich hier gut, sie passt. Das Bild, düster und grau, vervollständigt sich.

Fast könnte man denken, sie stünde hier seit Ewigkeiten.

Person2: Es ist Zeit. Untersuchungen müssen durchgeführt werden. Unbedingt... Hätte ich doch auf dem Weg nur passende Instrumente mitgenommen. Manchmal frage ich mich, woran ich überhaupt noch denke. Nun, eigentlich hätte sie mir auch jemand anderes einpacken können, schließlich kann ich nicht an alles denken. Nun, wie hätte ich auch nur im Entferntesten ahnen können, dass mir auf meinem allwöchentlichen Weg ins Sportstudio etwas derartig Merkwürdiges begegnet? Dass ich derjenige bin, dem das geschieht, ist bereits unglaublich genug.  Ich könnte mich auf der Stelle übergeben, weil ich an überhaupt nichts gedacht habe. Diese Mauer, wer sie gebaut hat, wie und wann... Das muss alles untersucht werden. Was bedeutet sie? Zwar wage ich es nicht, sie zu betasten. Aber mit bloßem Auge allein kann ich feststellen, dass sie aus Metall besteht.  Wahnsinn... Sie ist so immens grob und robust, das erkenne ich mit meinem geschulten Auge sofort,  dass man mit sehr reifen Technologien vorgegangen sein muss, um sie zu bauen.

Man braucht nicht lange, um zu verstehen, dass es sich bei der Person auf der anderen Seite um einen Wissenschaftler handelt oder zumindest um jemanden, der die Wissenschaft sehr schätzt.

Ungeduldig bewegt sie sich auf dem Stuhl hin und her, als wartete sie auf jemanden oder etwas.

Schließlich klingelt es, ein hektisches, ungemütlich kreischendes Geräusch.

Bevor die Person mit den schwarzen Augen den Knopf des Handys drücken kann, auf dem ein grünes Telefon abgebildet ist, hört sie einen von weiter Ferne stammenden Ruf.

Misstrauisch schaltet sie das Handy ab, hasst sich gleichzeitig dafür und hört genauer hin.

Man spürt geradezu, wie Neugierde und Misstrauen in dem Inneren dieser Person aufeinanderprallen.

Person2, flüsternd: Ich denke, dass ich es mir nur einbilde, hinter der Mauer einen Ruf gehört zu haben. Denn dahinter ist niemand, wie sich nach meinen Untersuchungen sicherlich herausstellen wird. Dahinter versteckt sich nämlich ein für Forschungszwecke geeigneter Bezirk. Seinetwegen wurde die Mauer errichtet. Doch, das muss so sein...

Die Krähe erhebt sich nun und fliegt stolz in die Lüfte. Dort umkreist sie die Mauer, wir erkennen jetzt beide Personen ganz deutlich und sind somit in der Lage dazu, das Geschehen auf beiden Seiten gleichzeitig nachzuvollziehen.

Person1, die fröhlich ganz nah an der Mauer lehnt und ständig etwas in sie hinein ruft:

Hallo. Ich habe dich enttarnt. Aber scheinbar bist du kein Mensch, denn du kannst leider nicht reden. Das macht nichts, wir können dennoch miteinander kommunizieren. Verstehst du, was ich sage? Ich weiß nicht, wie es bei dir ist. Aber du kannst ja irgendwie versuchen, mir das zu vermitteln. Wenn ich dich etwas frage, dann kannst du quietschen, sobald du die Frage mit Ja beantworten willst. Schweigst du, nehme ich das als Nein hin. Okay? Also: Scheint bei dir die Sonne?

Person2, erhält erneut einen Anruf und nimmt dieses Mal erleichtert ab, um Neuigkeiten über die Mauer an den Partner zu übergeben, flüsternd:

Also, ich habe dir doch vorhin bereits etwas über diese hoch komplexe Mauer berichtet. Nun, auch ohne meine Instrumente zur Erforschung des eben erwähnten Objektes, bin ich gerade dabei zu erfahren, was sich hinter diesem Giganten befindet. Ehrlich gesagt, ich lehne mit meinem Ohr gegen die  Mauer, um zu horchen. Es mag lächerlich klingen, aber es ist hochinteressant.  Vielleicht bedeutet meine derzeitige Situation sogar Gefahr für mich selbst, da ich noch nichts Genaues weiß.  Aber hinter der Mauer stammelt ein Mensch irgendwelche wirren Sätze, vielleicht ein Experiment?

Noch ist mir nichts Näheres darüber bekannt, aber möglicherweise haben Forscher diesen Menschen zu experimentellen Zwecken dort ausgesetzt. Ich mache jetzt Schluss, komm vorbei.

Jetzt redet Person2 künstlich lauter, um gehört zu werden.

Sie geht ein paar Schritte zurück, offensichtlich ist ihr die Situation doch zu heikel.

Sie redet nun gegen die Wand, räuspert sich:

Es handelt sich hier nicht um einen Scherz, mein Lieber.

Ich hoffe, Sie begreifen den Ernst der Lage. Denn für Sie selbst wäre ein unvernünftiges Verhalten nicht von Nutzen. Ich möchte, dass Sie sich nun entspannen und sich beruhigen.

Wir sind doch alle klar denkende Wesen, die vernünftig miteinander umzugehen pflegen.

Selbstverständlich sind Sie nun verwirrt und können nur ahnen, was hier vor sich geht.

Ich rate Ihnen, die Ruhe zu wahren, bis sich schließlich alles klärt. Danach werden Sie sicherlich verstehen können, worum es hier geht.

Ich stelle Ihnen nun ein paar Fragen, und bitte, darauf zu reagieren.

Person1, tatsächlich verwirrt und völlig durcheinander von diesen Worten, dreht sich vorsichtig um und überlegt. Sie scheint sich unwohl zu fühlen und macht sich klein. Unsicher blickt sie um sich. Das Lächeln ist verschwunden, ein dünner Streifen auf den Lippen ist an dessen Stelle getreten:

Die Wände haben Ohren. Diese Mauer hat gehört, was ich sagte und geantwortet. Ich habe mich getäuscht damit, dass ein fremdes Wesen hinter der Mauer lauert. Es ist die Mauer selbst, sonst kann nämlich niemand wissen, dass ich langsam nicht mehr verstehe, was hier los ist. Sie muss mich die ganze Zeit beobachtet haben und treibt nun ihr konfuses Spiel mit mir. Das aber wird dieser Schlange nicht gelingen, denn mich kann man so leicht nicht täuschen. Ob sie wahrlich lebt? Bisher habe ich nichts über lebende Mauern gelesen... Das jedoch hat nichts zu bedeuten. Es gibt immer ein erstes Mal in der Geschichte der Menschen und der Wunder. Die lebende Mauer kann mir nichts anhaben. Ob sie sich bewegen kann? Wenn ja, dann muss ich vorsichtig sein. Aber ich denke eher, dass sie mir ausgesetzt ist und immer nur an diesem einen Platz verweilt. Warum sonst hätte sie mir bisher nichts getan? Sonst hätte sie doch die Macht dazu besessen... Ich werde nicht länger warten, was geschieht. Ich greife sie an!

Die Person, die bis vor kurzem friedlich und glückselig auf ihrer Seite der Mauer gelebt hatte, nähert sich nun erneut der Mauer, aber mit einem anderen Gesichtsausdruck.

Feindselig und wütend krallt sie ihre Finger in das Metall. Zwar gelingt ihr das nicht, doch sie schlägt weiter auf die Mauer ein. Sie schlägt sogar mit dem Kopf auf sie ein, ohne dabei Verletzungen davon zu tragen.

Person2, die sehr deutlich die heftigen Schläge gegen die Mauer vernimmt und verstört aufblickt:

Fühlen Sie sich momentan nicht wohl? Wir sind doch alle vernünftige Wesen... Bitte, lassen Sie das! Sie tun sich doch selbst weh. Wir können doch über jedes Problem reden, mein Herr. Sie sind doch ein Herr? Ich weiß wirklich nicht, weshalb Sie sich selbst Schmerzen zufügen, mein Guter. Es gibt für alles eine Lösung.

Nervös und mit innerem Aufruhr verfällt die Person in plötzliches Schweigen.

Danach, leise aufkeimend, sehr distanziert:

Oder wollen Sie sich selbst gar keinen Schaden zufügen, sondern versuchen, die Wand zu durchbrechen? Sie Rasender! Was wollen Sie? Wollen Sie Unheil stiften?

 

Nun malt die Person, die man als Wissenschaftler bezeichnen könnte, den Teufel an die Wand.

Sie nimmt einen Grashalm zur Hand und versucht auf diese Weise, die Mauer zu bekritzeln.

Böse Ahnungen schweben ihr vor, besonders das Gefühl, einen Verrückten vor sich zu haben und in Gefahr zu sein, selbst wenn die Mauer als Trennwand dient.

Person1: Nein, so einfach mache ich es dir nicht. Da kannst du heulen und krakeelen, soviel du willst. Ich tue ganz sicher nicht, was du mir befiehlst. Schließlich bin ich nicht einem Menschen meines Schlages ausgesetzt, so wie du es bist. Deine Verzweiflung ist berechtigt.

Plötzlich hält die rasende Person nachdenklich inne. Ihre Finger betasten noch immer die Wand, die keinen Schaden davon getragen hat. Vielleicht war es nicht angebracht, in diese Richtung zu denken, möglicherweise wäre es besser, etwas anderes zu tun.

Und ein Lächeln, das sich nur ein wenig von ihrem vorigen unterscheidet, erscheint jetzt auf ihrem Gesicht.

Person1: Also gut. Du kannst mir, wie ich meine, nein, wie ich weiß, sowieso nichts anhaben. Gut, dann wären wir wieder am Anfang angelangt. Nämlich bei der Frage nach dem Geheimnis. Ja, du weißt sehr wohl, was ich meine. Was versteckt sich hinter dir? Und weil ich weiß, dass du es mir nicht verrätst, werde ich es selbst herausfinden!

Die Person versucht nun, die Wand hinaufzuklettern. Sie bemüht sich sehr, aber vergeblich, denn sie rutscht andauernd wieder ab.

Person2, der langsam dämmert, dass der Rasende nicht sie, sondern die Mauer selbst meint, besonders nach der Frage, was wohl dahinter stecke, steht nun mit dem Rücken zur Wand und denkt nach.

Zuerst überlegt sie sich, ob sie einfach nach Hause gehen soll.

Den Grund für diesen Gedanken kennt sie nicht, scheint es, denn sie runzelt die Stirn.

Sie entscheidet sich gegen diese Überlegung:

Na schön. Hör gut zu. Ich bin nicht die Mauer, sondern ein Mensch, der dahinter steht.

Zwar frage ich mich, wie man so dumm sein kann, eine Mauer für lebendig zu halten.

Aber ich bin bereit zu einem Kompromiss. Du versuchst nicht länger, die Wand zu beklettern, das wird dir sowieso nicht gelingen und ich... ich suche nach einer Lösung! Nur so kommen wir weiter...

Person1blickt ein wenig beschämt zu Boden und ist gleichzeitig neugierig, weil sie das Geheimnis noch immer lüften will:

In Ordnung. Anstatt hier nur blöde rum zu stehen, schlage ich vor, ein Stück zu laufen.

Ich warte nicht auf deine Antwort, also ich gehe jetzt von meiner Seite aus gesehen nach links.

So... Ich mache das jetzt einfach... Alles klar?

Person2, nicht sehr beeindruckt von dem Vorschlag, denkt kurz darüber nach, wie man sich durch diese Metallwand hören kann, gleichzeitig ist sie empfänglich für die Stimme des anderen:

Damit ich weiß, wo du bist und damit du nicht dauernd Reden schwingen musst, klopfen wir, während wir gehen, immer an die Wand. Ist das klar für dich? Schließlich bist du ja nicht ganz so helle... Tut mit leid, aber ich bin ein sehr direkter Mensch. Also, ungefähr so...

Der Wissenschaftler macht das Klopfen vor, damit es akustisch deutlich und klar für den anderen wird.

Dieser macht es nach und so gehen sie mithilfe der Klopfzeichen mit gleicher Geschwindigkeit die Mauer entlang.

Während sie klopfend an der Wand entlang gehen, beruhigen sich beide. Sie scheinen trotz der trennenden Wand und des Schweigens einander kennen zu lernen. Man meint sogar, sie miteinander reden zu hören, wenn man ganz aufmerksam ist.

Die klopfenden Hände scheinen einander zu berühren.

Obwohl die beiden Personen nicht im selben Rhythmus an die Wand klopfen, entsteht eine Harmonie, die die Krähe mit ihrem Flügelschlag fast nicht zu durchbrechen wagt.

Deshalb fällt sie fast vom Himmel, und erregt die Aufmerksamkeit der beiden Personen.

Gerade wenige Zentimeter über der Erde, kurz vor dem Aufprall, fangen sie ihre sich ausbreitenden Flügel auf.

Die beiden Personen halten kurz an, blicken zur Mauer, als sähen sie durch sie hindurch und zucken irritiert mit den Schultern.

Person2: Ist schon ein merkwürdiger Tag heute... . Erst entdecke ich dieses Monstrum, das dich vor mir versteckt, dann versinken wir beide immer tiefer in irgendwelchen Verwechslungen, Verwirrungen und falschen Illusionen, und nun fällt fast ein lebender Vogel vom Himmel.

Derart viele Seltsamkeiten an einem Tag, so viele Unverständlichkeiten und Geheimnisse sind mir bisher in meinem gesamten Leben nicht geschehen. All dies kommt von der Mauer, und bis zu diesem Augenblick verstehe ich noch immer nicht, wer genau du bist, wie es auf deiner Seite ist und was die Mauer zu bedeuten hat.

Person1, die aufmerksam zuhört und noch immer gefühlvoll an die Wand klopft:

Hmmmm... Du bist bestimmt ein kluger Mann. Bist du Forscher? Ähmm... Auf meiner Seite ist es ganz angenehm, wie immer eben. Wie soll ich es dir beschreiben? Ich lebe hier seit Ewigkeiten, ich kenne nichts anderes. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn es nicht warm ist. Bei mir ist es immer warm. Die Sonne ist wie eine Feuerkugel und es regnet sehr selten, aber auch dann ist es warm.  Ich weiß nicht, wer ich bin. Das kann ich dir nicht sagen, das ist schwer zu erklären. Wenn du mich sehen könntest, könntest vielleicht du es mir erklären. Ich würde dich gerne sehen. Dann würde ich endlich wissen, wer du bist.

Person2, grinsend und nun etwas lockerer, gefühlvoll klopfend:

Du kannst doch nicht wissen, wer ich bin, wenn du nur mein Äußeres siehst. Das kann niemand, denn der Mensch besteht nicht nur aus einer Hülle.

Ist es bei dir tatsächlich so schön? Die Sonne ist eine Feuerkugel? Es ist immer warm? Lebst du im Paradies? Bei mir ist es dunkel, ich weiß genau, was Kälte ist und dennoch mag ich es hier. Es ist ganz okay... Aber, wenn wir beide irgendwie eine Möglichkeit fänden, einander zu erkennen, das wäre doch ein schönes Ziel.

Die beiden Personen gehen ein weiteres Stück. Sie werden langsam immer schneller und kommen irgendwann, ohne miteinander zu reden zum Stehen. Sie verstehen sich ohne Worte und trotz ihrer Verschiedenheit.

Auf dem gemeinsamen Weg hat sich die Mauer verändert, ihre Undurchdringlichkeit ist etwas Weicherem gewichen.

Person 1 und 2 gemeinsam: Man kann durch eine Mauer sehen, wenn ein Loch darin ist.

Beide betasten vorsichtig die Mauer.

Dann schlagen sie, erst behutsam, dann stärker, auf eine Stelle der Mauer ein und bohren ein Loch ins Material. Es ist zäh und schwer zu durchbrechen, aber es gelingt, sodass sie die Hände durchstrecken können.

Sie geben einander die Hand, betrachten gegenseitig ihre Hände und ziehen sie dann gleichzeitig wieder zurück.

Person1:  Ich glaube, wir würden gut zueinander passen. Ich meine, deine Hand ist groß und meine klein.

Du hast einen kräftigen Händedruck, ich dagegen nicht.

Dafür bin ich in dieser Hinsicht etwas zurückhaltender, du dagegen nicht.

Person2: Ja, da hast du Recht. Wir würden ein prima Team abgeben.  Du bist stürmisch, ich bin ruhig. Du bist sensibel, ich bin draufgängerisch. Ich bin oft egoistisch, du scheinbar nicht. Du bist sehr neugierig und ich bin ein Forscher, das haben wir gemeinsam. Die Neugierde! Wir wären ein prima Team!

Die beiden stehen vor der Mauer, auf verschiedenen Seiten. Zwischen ihnen, in der Mauer, ist ein handgroßes Loch. Man könnte meinen, die beiden redeten mit der Wand.

Die Krähe flattert nun mit ihren Flügeln ungewöhnlich schnell.

Sie gehen weiter die Mauer entlang und beschleunigen ihr Tempo bis zur höchst möglichen Geschwindigkeit, immer noch zeigen die Klopfzeichen dem anderen, wo sich das Gegenüber gerade genau befindet.

Sie passen sich einander an, stellen sich aufeinander ein.

Abrupt bleiben beide stehen, sie haben ihr Ziel erreicht, denn die Mauer ist nun aus Glas.

Sie ist dünn, kaum sichtbar. Die andere Seite kann man verschwommen wahrnehmen. Die Mauer existiert, aber nie lässt sie den Blick frei, nur trüb kann man hindurchblicken.

Person1, die ihren Kopf schräg legt:

Das Geheimnis ist nun gelüftet. Deine Welt ist dunkel und du hast schwarze Augen.

Person2, schwer atmend:

Deine Welt ist bunt und du lächelst seltsam.

Beide schweigen.

Person2 kratzt sich am Kopf, Person1 blinzelt heftig.

Die Krähe am Himmel ist verschwunden, keine Spur von ihr.

Beide beobachten sich noch eine Zeit lang, sehr lange, unendlich lange.

Langsam erblasst das Bild, die Mauer ist nicht mehr vorhanden.

Beide Welten verschmelzen zu einer.

Die beiden Personen nähern sich einander und finden eine Welt im Einklang. Kein Geheimnis, keine Mauer,  nur reine Harmonie.

Person1, nun erleuchtet, von innerer Gewissheit durchströmt, deren Gesichtsausdruck jetzt fest und nicht labil scheint: Ich bin befreit. Ab jetzt werde ich mich ganz meiner Entdeckung der Welt widmen. Ich werde Gipfel erklimmen, so wie ich es schon in vielen Büchern gelesen habe. Ich werde Menschen kennen lernen, auf hoheitlichen Gewässern die Segel hissen und den staken Wind auf meinem Rücken spüren, Länder bereisen, fremde, bislang unerforschte Länder. Alles wird sich ändern.

Aber wo ist die Sonne geblieben, wo ist die Feuerkugel, wo ist die Wärme?

Mir ist kalt, ich friere, mein Inneres sehnt sich nach dem Schutz der riesigen Mauer.

Kannst du mir helfen? Du bist doch so klug. Vorhin wolltest du mir helfen, hilf mir jetzt.

Mach wahr, was du gesagt hast!

Person2, ganz von Wut befreit und von den Worten des Träumers gerührt, von dessen naiven Hoffungen bewegt: Ich werde dir eine Decke holen und sie dir um deine Schulter legen, dann wird es dir nicht länger kalt sein. Ich werde mich bemühen, deinen Vorstellungen nachzukommen. Deine Träume sind nicht umsonst geträumt. Komm mit mir, ich werde dir die Welt zeigen. Dieses Abenteuer möchte ich mit dir teilen, mich von meinen Fesseln lösen, von all meinen Verpflichtungen als Wissenschaftler losreißen, und gemeinsam mit die die Blume finden, die durch ihren Duft deine Sinne berauscht.

Sie fixieren einander und, wie durch Seelenverwandtschaft, reichen sie sich die Hand, ohne zuvor ein Wort gewechselt zu haben, und beschreiten ihren zukünftigen Weg in die Ferne, in eine uns unbekannte Zukunft.

Die Krähe, die verschwunden schien, taucht am Himmelszelt auf, wie aus der Weite herbeigerufen.

Man erkennt die beiden und die Krähe verblassend am Horizont, das Bild verhaucht schließlich.



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