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August  1891

Mein lieber Giebenrath,


ich möchte Ihnen mein Beileid aussprechen.
Ich weiß, was es heißt, einen Sohn zu verlieren, vor allem, wenn er so intelligent und fleißig war. Ich denke, Sie haben Ihren Sohn genauso geliebt wie ich meinen. Man tut alles für ihn, opfert sein Leben für ihn und dann scheidet er viel zu früh von uns.
Wir hätten mit unseren Söhnen noch so viel unternehmen und erleben können. Ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen, dass bei meiner morgentlichen Mahlzeit kein Sohn mehr da ist, der mit mir und meiner Frau isst, dass da keiner mehr ist, der mit mir angelt. Da ist eine Leere, etwas fehlt, jemand fehlt.
Der Tod hat mein Gustavlein für immer von mir genommen. Der Tod ist unvorhersehbar. Der Tod kann aber auch erlösen von einem Leben mit schrecklichen Leiden. Gott könnte es auch nur gut mit den beiden gemeint haben. Welchen Leiden mussten unsere Söhne sich ergeben? Können wir es wissen!
Ich fühle ganz mit Ihnen, nehmen Sie sich Zeit und versuchen Sie darüber hinweg zu kommen. Wollen Sie einmal zu mir kommen, dann könnten wir in Ruhe reden. Meine Tür steht Ihnen Tag und Nacht offen. Es ist immer schön zu wissen, dass irgendwo da draußen eine verwandte Seele auf einen wartet, mit einer tröstenden Schulter und einem offenen Ohr. Allein ist es immer schwer, so eine Bürde zu tragen, aber zusammen könnten wir vielleicht leichter über die Verluste hinwegkommen.
Denn unser Leben ist noch nicht zu Ende, es muss weitergehen. Man muss wieder lernen, die schönen Seiten des Lebens zu genießen und nicht in Trübsal zu versinken.
Ich freue mich auf eine baldige Antwort oder vielleicht sogar einen Besuch von Ihnen.

In großer Trauer
Ihr Hindinger


Benjamin, Simon, Peter, Frank