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„Hippies“ lauschen einem Vortrag über den unbändigen Wunsch nach Freiheit

Die letzte Geschichtsstunde der diesjährigen Abiturienten fiel am Dienstag, dem 9.6.2015, etwas anders aus als sonst. Zum einen lag das daran, dass im Rahmen der Motto-Woche die Schüler in bunten Kleidern und mit Blumen behängt als Hippies zugegen waren, zum anderen stand nicht ein Geschichtslehrer vor ihnen, sondern der Zeitzeuge Dr. Wolfgang Welsch, der als DDR-Widerständler sein ganzes Leben für seine persönliche Freiheit und Selbstbestimmung gegen die Stasi und die SED- Diktatur gekämpft hat.
„Ich war Staatsfeind Nr. 1“- so lautet die Biografie des Zeitzeugen und bringt damit Welschs Verhältnis zur SED-Diktatur auf den Punkt. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch und einer weiteren Verurteilung wegen staatsfeindlicher Hetze saß er in verschiedenen DDR-Gefängnissen, wobei er physischer und psychischer Folter wie beispielweise einer Scheinerschießung und Isolationshaft ausgesetzt war. Er leistete aus dem Gefängnis weiterhin Widerstand, indem er heimlich Informationen über seine menschenunwürdige Behandlung in den Westen schmuggeln ließ und bei verschiedenen Arbeitsdiensten Sabotage betrieb. 1971 von der BRD freigekauft, studierte er an der Universität in Gießen und promovierte als einer der Ersten mit einer Dissertation zum Ministerium für Staatssicherheit. Auch von der BRD aus bekämpfte er das System weiter und engagierte sich als Fluchthelfer, wobei er über 200 Menschen auf verschiedenen Wegen (per Flugzeug über andere Ostblockländer oder per Diplomatenfahrzeugen über Berlin) bei der Flucht aus der DDR half.
Diese Aktivitäten brachten ihn erneut ins Visier der Stasi, die daraufhin die „Operation Skorpion“ ins Leben rief, um Welsch umzubringen. Dafür wurde ein IM auf ihn angesetzt, der sich Welschs Vertrauen und das seiner Familie erschlich. Alle Attentate (Autobombe, Scharfschütze sowie eine Thallium-Vergiftung) überlebte Welsch wie durch ein Wunder.
Welschs Leben ist gekennzeichnet von Verrat, von Leid, aber auch von dem unbändigen Willen nach Freiheit und Gerechtigkeit. Er hat es sich zum Auftrag gemacht, über die unmenschlichen Methoden der SED-Diktatur aufzuklären und jede Diskussion, ob die DDR ein Rechts- oder Unrechtsstaat gewesen sei, durch seine persönlichen Erfahrungen im Keim zu ersticken.
Drei Stunden berichtete Welsch von verschiedenen Ereignissen aus seinem Leben und veranschaulichte diese mithilfe von persönlichen Quellen wie Stasi-Unterlagen, privaten Fotos und Ausschnitten aus dem Politthriller „Der Stich des Skorpion“, der ausgehend von seiner Biografie 2004 erschienen ist.
Sichtlich betroffen zeigten sich die Schüler, als Welsch von seinen Erlebnissen im Gefängnis oder dem Verrat seiner eigenen Frau, die umfassende Aussagen bei der Stasi über die Fluchthelferorganisation gemacht hatte, erzählte. Sie erkundigten sich interessiert nach dem Verhältnis zu seinem angeblichen Freund, der skrupellos auf einer gemeinsamen Urlaubsreise Gift in das Essen der gesamten Familie gemischt hatte und deren Tod in Kauf nahm. „Die Zeit ist so schnell vergangen“, meinte eine Schülerin nach dem dreistündigen Vortrag mit anschließender Fragerunde - ein Satz, den wahrscheinlich wenige Schüler am Ende einer gewöhnlichen Geschichtsstunde äußern würden und der gleichzeitig deutlich macht, wie interessant, fesselnd und berührend erlebte Geschichte sein kann.